Erwartungen an die Entwicklung des Dresdner Klimaschutzkonzepts (IEK)

In Dresden hat die Fortschreibung des Dresdner Klimaschutzkonzepts begonnen. Das neu entwickelte Konzept – grundlegende Überarbeitung mit neuem Ziel der Klimaneutralität deutlich vor 2050 – soll bis Ende 2022 dem Stadtrat zum Beschluss vorgelegt werden. Über einen Runden Tisch sind Fridays For Future Dresden, sowie Parents For Future Dresden beteiligt.

Pressemitteilung der Stadt Dresden vom 26.04.21
Pressemitteilung von FFF/PFF DD vom 26.04.21
Pressemitteilung von FFF/PFF DD zum ersten Runden Tisch vom 07.05.21

Es braucht sowohl ein inhaltliches Konzept, das die zentralen Punkte angeht, als auch einen umfassenden Umsetzungsrahmen. Nur wenn beides jetzt entwickelt und mitgedacht wird, kann Klimaschutz in Dresden Realität werden!

Die folgenden Erwartungen sind unser Startpunkt in den Prozess, welche wir im Prozess weitentwickeln werden.


Rahmen des Konzepts

  1. Klimaschutz-Finanzierungslücken müssen geschlossen werden für kommunale und private Akteure: die schnelle Emissionsreduktion ist eine Gemeinwohlleistung! Alle Akteure müssen bei ihren Gemeinwohlleistungen unterstützt werden, bzw. dafür entlohnt werden, z. B. durch einen städtischen Klimaschutzfonds
  2. Entwicklung einer gesellschaftliche Akzeptanzstrategie, städtisch, sowie durch Unterstützung der Initiativen: es ist nötig, ein öffentliches Krisenbewusstsein zu entwickeln, z. B. durch Kampagnenarbeit, und es braucht eine umweltpsychologisch fundierte Ansprache verschiedener Zielgruppen, sowie Bürgerbeteiligung
  3. Durch eine jährliche Bilanzierung soll ein zuverlässiges Monitoring des städtischen Klimaschutzes gewährleistet werden, auch damit schnelle Korrekturen von Fehlentwicklungen vorgenommen werden können
  4. Umfassende Nutzung aller Förderprogramme (Land, Bund, EU) in Dresden: Beratungsangebot zu Fördermöglichkeiten und Monitoring der Nutzung der Förderprogramme
  5. Umsetzungsmanagement entwickeln: Personalressourcen ermitteln, Zuständigkeiten klären und Abläufe planen
  6. Zielsetzungen präzisieren: gemeinsame Definition Klimaneutralität finden und Entwicklung eines Pfads bis 2035 (Im zugrunde liegendem Beschluss steht „deutlich vor 2050“, d. h. der Pfad für 2050 ist eigentlich ausgeschlossen worden!)
  7. Kritische Bestandsanalyse: bisherige Hemmnisse analysieren und überwinden
  8. Zielkonflikte aufarbeiten: bei dem kommunalen Energieversorger wirtschaftlichen Spielraum für Klimaschutz-Investitionen schaffen (z. B. durch alternative Finanzierung des ÖPNV), geeignete Instrumente finden, um Klimaschutz auch in angespannten Haushaltslagen zu sichern, Investitionen für Energieeinsparung, sowie Dezentralisierung und Liberalisierung der Energieversorgung

Inhaltliche Erwartungen an das Konzept

  1. Ein Transformationspfad soll die Klimaneutralität bis 2035 untersuchen – dabei soll ein CO2-Budget von 25 Megatonnen nicht überschritten werden
  2. Kostenwahrheit sichtbar machen – immer ein Wirtschaftlichkeitsszenario bzw. -betrachtung mit einem CO2-Preis von 195 €/Tonne-CO2 mitentwickeln
  3. Energieeinsparung: den Energiebedarf von Dresden ca. um die Hälfte senken und die jährliche Sanierungsquote von 1% auf 4% steigern
  4. Als Energieträger der Fernwärme: maximal 50% aus klimaneutralem Gas und mindestens 50% aus Umweltwärme (Luft, Wasser, Erde, Solarthermie)
  5. Wärmeversorgung: Im Konzept sollen mindestens drei detaillierte Untersuchungen auf Quartiersebene Platz finden: zu unterschiedlichen Bestandsquartieren und einmal zum Neubau

Die oben aufgeführten inhaltlichen Punkte werden im Folgenden ausführlich begründet:

1. Ein Transformationspfad soll die Klimaneutralität bis 2035 untersuchen – dabei soll ein CO2-Budget von 25 Megatonnen nicht überschritten werden

Um das Pariser Abkommen unter dem Aspekt der Klimagerechtigkeit einzuhalten, darf Deutschland nur noch 4,2 Gigatonnen CO2 emittieren und müsste bis 2035 klimaneutral sein [1].

Der Landeshauptstadt Dresden steht demnach ein anteiliges CO2-Budget von ca. 25 Megatonnen zu. Die Bundesregierung plant die Klimaneutralität jedoch nur bis 2050 und nimmt sich mehr vom CO2-Budget als ihr zusteht. Will die Landeshauptstadt Dresden in eine klimagerechte Zukunft gehen, so muss es ihre Aufgabe sein, alles innerhalb ihrer Möglichkeiten zu tun, um ihr eigenes anteiliges CO2-Budget einzuhalten und ihren eigenen Transformationspfad so auszurichten, dass er das Ziel 2035 im Visier hat – selbst wenn dies aufgrund der Bundesgesetzgebung zum jetzigen Zeitpunkt für Dresden alleine nicht möglich sein sollte.

2. Kostenwahrheit sichtbar machen – immer ein Wirtschaftlichkeitsszenario bzw. -betrachtung mit einem CO2-Preis von 195 €/Tonne-CO2 mitentwickeln

Momentan findet eine Wettbewerbsverzerrung auf Kosten der erneuerbaren Energien statt, indem die Klimafolgeschäden nicht in ihrer tatsächlichen Höhe berücksichtigt werden. Diese Folgeschäden befinden sich schon heute in der Größenordnung der notwendigen Umbaukosten des Energiesystems [2,3,4] und werden in Zukunft erheblich steigen. Eine Tonne CO2 verursacht ca. 195 € an Klimaschäden [5]. Ein Instrument, diese Kosten in den Wettbewerb einfließen zu lassen, wäre ein CO2-Preis, der genau diese Kosten widerspiegelt, also ein CO2-Preis von 195€/Tonne. Wird ein CO2-Preis in dieser Höhe nicht mit in die Betrachtungen mit einbezogen, so bedeutet das eine Subventionierung fossiler Energieträger auf Kosten folgender Generationen. Leider kann nur die Bundesregierung die Höhe des CO2-Preises festlegen. Jedoch kann die Kommune aufzeigen, welche Möglichkeiten ein kostenwahrer CO2-Preis mit sich bringen würde und Finanzierungslücken aufzeigen, welche sich eventuell über einen kommunalen Klimafond schließen ließen. Zudem sollte darüber nachgedacht werden, inwiefern der kommunale Energieversorger hohe Renditeansprüche erfüllen muss.

3. Energieeinsparung: den Endenergiebedarf (Strom, Wärme, Verkehr) von Dresden ca. um die Hälfte senken und die jährliche Sanierungsquote von 1% auf 4% steigern

Die Energiewende ist nur möglich, wenn der Endenergiebedarf reduziert wird. Studien sehen dafür eine Reduktion des Endenergiebedarfs in der Größenordnung von 50% als notwendig und möglich an [1,2,3]. Die benötigten Effizienzmaßnahmen sind hauptsächlich der Verzicht auf Verbrennungsprozesse, bei denen Abwärme ungenutzt bleibt, der Einsatz von Wärmepumpen sowie die energetische Gebäudesanierung. Für die Sanierung wird eine jährliche Quote von 4% benötigt [1]. Das bedeutet, dass jährlich ca. 4% der Bestandsgebäude saniert werden müssten.

4. Als Energieträger der Fernwärme: maximal 50% aus klimaneutralem Gas und mindestens 50% aus Umweltwärme (Luft, Wasser, Erde, Solarthermie)

Viele Energieversorger setzen bei der klimaneutralen Fernwärme zu stark auf Power-to-Gas, also auf klimaneutrales Gas. Dabei ist diese Herangehensweise hoch spekulativ, denn niemand weiß wie viel klimaneutrales Gas in Zukunft wirklich zur Verfügung stehen wird. Nach einer Studie vom BDI sollten das für die Fernwärmeversorgung nur 14 % sein [6]. Darum müssen wir viel mehr auf lokale Wärmepotentiale aus Erde, Luft und Wasser – also auf Umweltwärme setzen.

Dies gelingt nur, wenn die Systemtemperaturen im Fernwärmenetz abgesenkt werden, was auch eine intensive Zusammenarbeit zwischen Wohnungswirtschaft und der Sachsen Energie AG voraussetzt. Gelingt dies, so könnte zukünftig auch das Wärmenetz auch für andere Wärmelieferanten geöffnet werden, wie z.B. für Abwärme aus der Industrie oder der Gebäudekühlung, und es könnte  ein gesamtgesellschaftlich besonders günstiger Pfad eingeschlagen werden.

Dies könnte allerdings einen Wettbewerb bei der Wärmeerzeugung verursachen und damit die Monopolstellung des Energieversorgers in Frage stellen.

Dieser Interessenskonflikt zwischen dem Beibehalten alter Machtstrukturen und der Öffnung der Wärmenetze für Dritte wird maßgeblich beeinflussen, wie hoch der Gas-Anteil im zukünftigen Fernwärmenetz sein wird. Aus Sicht des Klimaschutzes muss der Gasanteil aber so gering wie möglich gehalten werden, denn Gas bedeutet Abhängigkeit und es bedeutet, dass im Zweifelsfall immer wieder auf fossiles Gas zurückgegriffen werden kann – das können wir nicht wollen!

5. Wärmeversorgung: Im Konzept sollen mindestens drei detaillierte Untersuchungen auf Quartiersebene Platz finden: zu unterschiedlichen Bestandsquartieren und einmal zum Neubau

Für eine dezentrale Wärmewende müsste jedes Quartier einzeln auf die jeweiligen Wärme- und Sanierungspotentiale untersucht werden. Diese umfangreiche Untersuchung kann aber im Rahmen des IEK nicht erfolgen. Trotzdem ist es notwendig, die Quartiersperspektive mit im Blick zu haben, denn andernfalls ist von Anfang an klar, dass zentralistische Lösungen bevorzugt werden und dezentrale Lösungen wegfallen. Daher schlagen wir vor, das mindestens drei Dresdner Quartiere genauer untersucht werden und als Modellquartiere auch in der Praxis transformiert werden.

Zum einen sollte ein Neubaugebiet untersucht werden, um aufzuzeigen welche Möglichkeiten der Neubau bietet, um die Wärmewende transformativ zu unterstützen. Dabei geht es vor allem um Niedrigtemperatur-Heizsysteme, sowie die Erschließung von dezentralen Umweltwärmepotentialen zur Eigenversorgung oder zur Einspeisung ins Fernwärmenetz.

Das große Sorgenkind der Wärmewende sind jedoch die Bestandsgebäude. Bereits verbaute Heizsysteme und unzureichende Dämmstandards sorgen dafür, dass die Gebäude nicht mit niedrigen Heiztemperaturen und damit nur geringfügig mit erneuerbaren Energien (Umweltwärme) versorgt werden können. Es ist in den kommenden zwei Jahrzehnten daher notwendig, jedes Quartier einzeln und systematisch zu transformieren. Anhand einer ausführlichen Analyse eines geeigneten Bestand-Modellquartiers ließen sich Muster ableiten und auf weitere Quartiere übertragen.


Trotz der hier ausführlich begründeten Erwartungen, sind wir offen für Diskussionen und Gegenargumente. Wir wollen über die hier angesprochenen Themen eine ehrliche, öffentliche Debatte entfachen, denn es geht uns alle etwas an!

Wir werden uns mit allen uns zu Verfügung stehenden Mitteln dafür einsetzen, dass Dresden den Weg in die Klimaneutralität findet – und Euch auf dem Laufenden halten!

Louise Hummel-Schröter / Kevin Bauch

Quellen:

[1] Wuppertal Institut (2020). CO2-neutral bis 2035: Eckpunkte eines deutschen Beitrags zur Einhaltung der 1,5-°C-Grenze. Bericht. Wuppertal. 2020

[2] Institut für Energie- und Klimaforschung, „Kosteneffiziente und klimagerechte Transformationsstrategien für das deutsche Energiesystem bis zum Jahr 2050,“ Forschungszentrum Jülich GmbH, Jülich, 2019

[3] Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, „Wege zu einem klimaneutralen Energiesystem,“ Freiburg, 2020

[4] Umweltbundesamt, „Gesellschaftliche Kosten von Umweltbelastungen,“ 17. 01. 2019
[Online]. Available: https://www.umweltbundesamt.de/daten/umwelt-wirtschaft/gesellschaftliche-kosten-von-umweltbelastungen#gesamtwirtschaftliche-bedeutung-der-umweltkosten. [Zugriff am 04. 05. 2021]

[5] Umweltbundesamt, „Methodenkonvention 3.1 zur Ermittlung von Umweltkosten,“ Dessau-Roßlau, 2020.

[6] The Boston Consulting Group, Prognos, „Klimapfade für Deutschland,“ Bundesverband der Deutschen Industrie e. V. , 2018